ÜBER MICH

Dialogversuche zwischen Herz und Kopf

Ich schreibe, weil mein Herz etwas zu sagen hat. Mein Kopf versucht das zu Papier zu bringen. Nur sind sich Herz und Kopf nicht immer einig, doch Papier zum Glück geduldig. Und so kommt da ab und an etwas bei raus, was ich dann in die Welt tragen möchte. Also sitze ich hier, bei mir, und erzähle euch was von Herz, Kopf und Papier.

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  • Vivien

Einatmen, ausatmen, abgrenzen - Wie ich zwischenmenschlich immer wieder ins Stolpern gerate

Aktualisiert: März 31

Alles wäre so viel leichter, wenn ich mir in jeder Situation klar eingestehen würde was ich will und brauche und das auch offen zu kommunizieren. Aber nein, mein Hirn schaltet immer als erstes in den Modus „wie kann ich die Menschen um mich herum glücklich machen.“


Und ich spüre in meinem Bauch diese kleine, heiße Nadel


Du willst beim gemeinsamen Frühstück, dass wir uns absprechen was wir bestellen und dann teilen? Mein Herz wispert: „Ich hatte ja eigentlich wirklich Bock auf ein Vollkornbrötchen mit Rührei und zum krönenden Abschluss dann dieses fette Croissant mit Butter und hausgemachter Himbeermarmelade“, aber… „Na klar machen wir das!“ posaunt mein Kopf die Worte aus meinem Mund. Mein Gegenüber ist glücklich und ich? Ich spüre in meinem Bauch diese kleine, heiße Nadel. Aber eigentlich wollte ich doch… einatmen, ausatmen, weg atmen.


Ach, es könnte heute Abend vielleicht später werden? „Nicht schlimm“, tönt mein Kopf großmütig. „Es wäre aber schon schön, wenn ich wenigstens so ungefähr wüsste, wie spät es wird. Ich würde ja gerne noch… ich weiß ich hab ja heute Abend sonst nichts vor, aber…“ räuspert sich mein Herz zaghaft und wird mit einem „meld dich dann einfach und viel Spaß“ von meinem Kopf zum Schweigen gebracht. Mein Gegenüber nimmt es in stummer Dankbarkeit zur Kenntnis, ist es ja sowieso gewohnt, dass ich alles brav abnicke. Und da ist wieder dieses heiße Stechen in meinem Bauch, von vielen kleinen Nadeln. Mein Herz hält die Luft an. „Beim nächsten Mal aber“, denkt es sich. Einatmen, ausatmen, weg atmen.


Ich versuche das Brüllen meibes Herzens zu ignorieren


Und dann kommt es irgendwann unweigerlich zum Supergau. Ich versuche es mehreren Menschen unabhängig voneinander recht zu machen. Zeige mich pflegeleicht, verfügbar, unkompliziert, nachgiebig und im Hintergrund rotiere ich in chaotischen Kreisen, komme selber zu nichts, da ich jedem anderen alle Optionen und Freiheiten offen gelassenen habe, nur nicht mir selbst, und versuche das Brüllen meines Herzens zu ignorieren, bis ich explodiere, als mein komplexes Kartenhaus der aalglatten Harmonie zusammenbricht und all die kleinen heißen Nadeln aus mir herausgeschleudert werden. Auf der Gegenseite sehe ich Unverständnis und Missbilligung. „Du bist doch sonst nicht so?“ Und ich kann nur noch eins denken: Einatmen, ausatmen, wegrennen und Wunden lecken.


Solche und ähnliche Situationen gab und gibt es regelmäßig in meinem Alltag. Mit Freund:innen, Mitbewohner:innen, Kolleg:innen, in der Familie und mit dem (Ex)Partner. Warum fällt es mir und auch vielen anderen so schwer die eigenen Bedürfnisse klar zu kommunizieren? Macht es uns nicht unglaublich unberechenbar, wenn wir wie ein schwelender Vulkan plötzlich irgendwann explodieren, weil das Maß der eigens produzierten Unterdrückung mehr als randvoll ist? Warum denke ich gleich, nur weil mir der Sinn nach etwas anderem steht oder ich anderer Meinung bin, würde es mich mit meinem Umfeld direkt in einen Konflikt stürzen und meine Beziehungen gefährden, wenn ich dies äußere?


Mir ist bewusst, dass ich dieses Programm unterbewusst abspule


Mir ist ja durchaus bewusst, dass ich damit immer wieder selbst meinen Wert untergrabe. Mir ist bewusst, dass ich damit meine Beziehungen selbst belaste, oft die falschen Menschen in mein Leben ziehe und vielleicht auch ungesunde Beziehungen in meinem Leben halte. Mir ist bewusst, dass ich dieses Programm unterbewusst abspule, wieder und wieder, weil ich Angst davor habe, die Abgrenzung, die ich durch Kommunikation meiner Bedürfnisse und Meinung, zu meinem Gegenüber erreiche, schafft eine Distanz, die zur Trennung führt. Aber zumindest habe ich mittlerweile erkannt, dass diese Denke in eine Sackgasse führt, auch wenn mein Autopilot sich noch etwas gegen die neue Programmierung wehrt: Einatmen, ausatmen, abgrenzen.


Ich meine und fühle was ich sage


Abgrenzung schafft keine Distanz. Abgrenzung schafft Klarheit, macht mich authentisch, greifbar und nahbar. Für die richtigen Menschen. Die mich in ihrem Leben haben wollen, weil ich bin wie ich bin und nicht, weil ich es ihnen immer recht mache und ihnen ein gutes Gefühl vermittle. Nein, weil sie auf mein Wort vertrauen können. Dass ich meine und fühle was ich sage und auch mal unbequem sein kann. Dass ich ihnen keinen industriegefertigten Reflektor für ihr Leben und ihre Bedürfnisse biete, sondern wir uns gegenseitig Dank der Risse, Ecken und Kanten im Glas die Möglichkeit bieten uns individuell zu spiegeln und uns selber, durch kleinste Veränderung unserer Positionen, plötzlich in einem ganz anderen, neuen und vielleicht sogar schöneren Licht sehen können.

Veröffentlich am 24.03.2021 auf www.imgegenteil.de mit dem Titel "Einatmen, ausatmen, abgrenzen - Wie ich bei der Kommunikation meiner Bedürfnisse immer wieder ins Stolpern gerate"

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